Wie ich bei meiner Krisenvorsorge 3000 € verbrannt habe

Es kommt der Zusammenbruch, die große Krise. Schon morgen, ganz sicher. Bereitet euch vor! Nur die Stärksten überleben, nur die Vorversorgten haben eine Chance... Chemtrails, Verschwörung der Zionisten und der bevorstehende dritte Weltkrieg... alles verbindet sich und führt zur Katastrophe, zum großen Crash, der vorprogrammiert und unausweichlich ist...

Ich habe solche Warnungen in unzähligen Abänderungen auf verschiedenen Blogs gelesen. Jahrelang. Ist doch Schmarrn, das Ganze, habe ich mir gedacht. Lächerlich.

Aber beunruhigend zugleich. Einzeln sind die Theorien nur ein schlechter Witz. Aber alle zusammen hinterlassen schon eine Spur im Hinterkopf. Beunruhigung. Eine Gewissheit, dass alles plötzlich enden könnte, bald... Obwohl ich so gut wie nichts unternahm, hat sich der Wurm allmählich eingeschlichen. Hey, ich bin unvorbereitet, es reicht nicht Artikel zu lesen, ich sollte handeln...

Dann hatte ich eines Tages die Nase voll. Es gab irgendwo wieder einen Terroranschlag. In den Nachrichten sprach man von einer drohenden Wirtschaftskrise in der Eurozone. Es gab Meldungen aus dem zusammengebrochenen Griechenland. Und ich sagte zu mir: na gut, also JETZT!

Ich habe ein großzügiges Budget in die Hand genommen. Ob es nun 3000 oder sogar mehr war, weiß ich nicht mehr genau. Was fest steht – gäbe es meine Frau nicht, die den ganzen „Vorsorge-Wahnsinn“ mit gerunzelter Stirn verfolgte, wäre die Summe wohl noch höher ausgefallen. Innerhalb eines Monats hatte ich den Keller vollgestopft. Trocken Nahrungsmittel mit 15-Jahre-Haltbarkeit. Wasserfilter. Wassertabletten. Petroleumofen. Einige Kartons Notnahrung. Batterien, Taschenlampen, zwei Radios, Notstromaggregat, Benzinkanister und, und, und.

Super. Keller mit Notvorrat vollgestopft, Thema erledigt. Der Wurm war nicht mehr drin, ich habe mich beruhigt und den ganzen Vorrat halbwegs vergessen.

Dann bin ich mit der Familie in die Alpen gefahren, in den Winterurlaub, 2019. Da könnt ihr euch wohl auch noch dran erinnern – es gab einen Schneesturm. Heftigen Schneefall, Schneechaos. Einige Täler blieben von der Außenwelt und der Versorgung abgeschnitten. Uns eingeschlossen.

Es bestand keinerlei Lebensgefahr. Wir haben uns zwei Tage lang von eigenen Vorräten ernährt, es gab einen halbwegs warmen Raum und von der Pension in der wir wohnten, wurden wir mit Vorräten versorgt. aber am dritten Tag ist es mir dann aufgefallen: Ich habe 3000 € in unsere Krisenvorsorge investiert und nun hocken wir hier in einem winzigen Raum, hoffend, dass die unten in der Hotelküche noch genug in den Schränken haben. Was zum Teufel habe ich falsch gemacht?!

Die Antwort: Nichts. Alles, was ich machte, war richtig. Aber auch “ scheißteuer„ und nicht genug. Bei weitem nicht. Ich habe einige Wochen darüber gegrübelt. 3000 € für einen Notvorrat ausgegeben und doch dem Zufall wehrlos ausgeliefert? Was soll ich denn noch mehr machen? Den kleinen Keller in unserem Mehrfamilienhause für weitere tausend Euro vollstopfen? Keinen Urlaub mehr machen? Aufhören zu Reisen? Selbstverteidigungskurse und Survivaltrainings absolvieren? Oder gar eigene Kartoffeln anbauen?! Ich habe doch Anderes zu tun, als die Krisenvorsorge, verdammt noch mal!

Die perfekte Lösung habe ich noch nicht gefunden. Aber zumindest eine Lebenseinstellung, mit der ich gut leben kann (die Nummern unten mag jetzt nicht genau stimmen, das stört mich aber nicht):

Will ich auf Unerwartetes vorbereitet sein? Ja.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Notfall zum kompletten Zusammenbruch der Zivilisation führen wird? Gering. Es ist eher Hochwasser oder regionaler Stromausfall zu erwarten, als ein globaler Atomkrieg.

Auf Notfälle vorbereitet zu sein kostet nicht viel. Einige hundert Euro. Notvorrat für zwei Wochen für mich und meine Familie, etwas übrig für den einen oder anderen weniger versorgten Nachbarn und eine kleine eiserne Reserve (Notnahrungen, Kurbelradio und Wasserfilter) im Kofferraum meines Autos. Auf den Weltuntergang vorbereitet zu sein kostet sehr viel – eigentlich unendlich viel. Da bräuchte man Notvorräte für mehrere Jahre, eine Zuflucht (quasi ein gut verstecktes „Haus B“), eine Gruppe von trainierten Gleichgesinnten, Verteidigungsmittel und was weiß ich noch alles. Eine Vorbereitung auf das Leben nach dem Zusammenbruch würde mein ganzes Leben „vor dem Zusammenbruch“ verzehren.

Ein paar hundert Euro für Produkte auszugeben, die mich gegen 90% aller möglicher Notfälle wappnen? Ja, gerne, sofort. Aber Tausende Euro und Hunderte Stunden damit zu verbringen um mich gegen die restlichen 10% der Fälle zu schützen? Gegen das Ende der Zivilisation, das statistisch gesehen einfach nicht kommt? Nein, Danke. Auf 100%- komme ich nie. Und die Kosten und der Aufwand für die "komplette Krisenvorsorge" schießen einfach durch die Decke. Ich habe ein Leben hier und jetzt - ein Leben VOR dem großen Zusammenbruch.

Den 3500 €-Vorrat im Keller habe ich immer noch. Es hätte auch ein 500 € Notvorrat gewesen sein können. Nun ja, das Leben geht weiter :)